Nordic Walking ohne zu sehen - ein Erfahrungsbericht vom Ehepaar Segelken
Klingel Dich frei mit …, so lautete vor Jahren die Empfehlung einer Wermutwerbung.
Mein Motto lautet aber seit kurzem: 
Lauf Dich frei mit Lars! Also keine Wermutwerbung, vielmehr eine Antischwermutwerbung! Im Ernst: Nordic-Walking, das geht auch trotz Blindheit. Was man dafür braucht? Einen einfühlsamen, motivierenden Trainer, der Optisches gut in Sprache umsetzen kann, Ideen und Veränderungsvorschläge aufnimmt und umsetzt und auch mal selber bereit ist, für das Hineindenken die Augen zuzumachen.
Mit Lauflars Ahrens habe ich so einen Trainer gefunden. Doch nicht nur das macht mir mit ihm Lust auf das Laufen, auch sein Abholservice und seine natürliche Fürsorglichkeit machen es mir leicht, trotz meiner Behinderung eine eigentlich ganz normale Walkerin zu sein.
Doch jetzt mal ganz von vorn:
Laufen wollte ich schon lange und das auch mal ohne Blindenstock und Führhund im Geschirr. Einfach so loslaufen, ohne auf Hindernisse zu stoßen oder auf die Bewegungen und Reaktionen meines Hundes achten zu müssen. Gejoggt war ich vor Jahren schon mal. Aber da musste ich mich immer an jemanden anbändeln und irgendwie war das nicht das, was meinem Körper guttat. Da begegnete mir Lars Ahrens just zur rechten Zeit, denn ich war gerade auf dem besten Wege, schwermütig zu werden. Heute sagt man depressiv dazu. Wir unterhielten uns angeregt bei einer Tasse Kaffee und da funkte es gleich auf sportlichem Gebiet. Vor dem ersten Training begleitete und beriet mich Lauflars sogar beim Schuheinkauf. Und welche Stöcke ich brauche, wusste er natürlich auch sofort, nachdem er Maß genommen hatte. Mit meinem Krankenkassensachbearbeiter hatte er schon einen Sondertarif für die Bezuschussung meines Kurses verhandelt, denn wir waren uns einig, dass ich zuerst mal eine Einzeleinführung bekommen müsste. Und dann das erste Training: Nur fliegen ist schöner, um es mal wieder mit einer Werbung auszudrücken.
Wir hatten eine große gemähte Wiese ausgesucht, auf der wir viele Meter lang hintereinander her laufen konnten. Vorher hatte Lars mir natürlich theoretisch und im Stand die Wirkung und die Technik des Nordic-Walkens erklärt und Stretching und entsprechende Aufwärmübungen mit mir gemacht. Damit ich immer wusste, wo Lars sich zu meiner Kontrolle und Korrektur hinter mir befand, hatte ich ihm ein Glöckchen meines Führhundes gegeben, dass er sich am T-Shirt befestigte. Aber, da man beim Nordic-Walken nicht nur reden darf sondern auch soll, weil man dann genau weiß, dass man sich nicht überanstrengt, hörte ich sowieso seine Position automatisch. Lars korrigierte mich nicht nur bei Bedarf, er lobte auch meine Koordination und meine schnell verstandene und umgesetzte Stocktechnik. Na, das tat vielleicht gut! Für mich sind die speziellen Stöcke nämlich nicht nur die Geräte zum Abstoßen, zur Not kann ich mich auch mal daran stützen, wenn es mal kurz am Gleichgewicht hapert.
Nach einer Doppelstunde Lauftraining war ich weder ausgepowert noch müde, war eher traurig, dass es schon vorbei war. Und diese Wirkung dauerte nicht nur bis zum Abend an, an dem ich seit langem nicht mehr total erschöpft in mich zusammensackte, sondern geradewegs wieder hätte loslaufen können.
Seit diesem ersten Training haben Lauflars und ich verschiedene Wegstrecken und Wegqualitäten ausprobiert. Für mich als blinde Walkerin sind gemähte Wiesen oder breite Tracktorspuren, in denen ich mich beim nach hinten abstoßen mit den Stöcken gleichzeitig automatisch orientieren kann, am allerbesten. Wege mit viel Schlaglöchern, Querrillen, Baumwurzeln, Steinen oder Pfützen sind nicht ratsam. Es frustet einfach, wenn der Mitläufer einem ständig Warnungen und Ausweichkommandos zurufen muss.
Mein absoluter Streckentraum ist eine eigens zum Nordic-Walken eingerichtete Rund-Sandbahn, auf der ich mich als Blinde auch allein orientieren und bewegen könnte. Das Walken mit anderen Menschen macht zwar Spaß. Ich müsste dann aber nicht immer warten, bis mal jemand Lust und Zeit hätte und diese ganz selbständige und von Hilfe unabhängige Sportbetätigung würde mein Selbstbewusstsein sicher noch zusätzlich stärken und so meiner Psyche gut tun. Leider gibt es diese Bahn hier noch nicht. Aber, was nicht ist, kann ja noch werden!
Zum Schluss noch ein paar Infos zu meiner Person:
Ich heiße Karin Segelken, bin 53 Jahre alt und wegen einer Netzhauterkrankung, RP genannt, seit 25 Jahren blind. Ich lebe am Rande von Bremen, dem Wirkungs- und Einsatzgebiet von Lauflars. Ich bin zwar eher ein sportlicher Typ, habe aber vor dem Nordic-Walken keinerlei Sport getrieben. Trotz einer nicht besonders guten Kondition habe ich von Anfang an sehr viel Spaß am Nordic-Walking gehabt. Ich bin bei diesem Sport weder unter- noch überfordert, was bei meiner Behinderung sonst leider sehr schnell passieren kann.
Wer sich mit mir über das Nordic-Walking für Blinde und über den Lauflars unterhalten möchte, kann das unter Tel: 0 42 98 / 4 19 07 20 gern tun.

Nordic Walking Kurse in der Aura-Pension
„Brockenblick“ in Wernigerode
Vom 15.10.2010 bis 17.10.2010.
Angeboten werden aktuell drei Blinden Nordic Walking Tage
in der AURA Pension "Brockenblick"
(Amelungsweg 8, 38855 Wernigerode, Telefon: (0 39 43) 2 62 1-0)
in der Zeit vom 15.10.2010 bis 17.10.2010.
Stöcke werden während der Dauer des Kurses gestellt.
Der Kurs dauert 2 x 2 Stunden und maximal 2 Teilnehmer sind möglich.
Es werden 3 Termine pro Tag angeboten.
Für insgesamt 6 Teilnehmer .
Die Krankenkassen erstatten in der Regel 80 % der Kosten. (außer AOK)
Weitere Informationen unter: Telefon 0421 17 20 152